Münzschatz entdeckt? So bestimmen und verwerten Sie Sammlungen aus Nachlass oder Fund.
Experteninterview mit dem Münzexperten Dr. Hubert Ruß
IHK-Sachverständiger für Münzen und Medaillen des Mittelalters und der Neuzeit
Oft sind es nur unscheinbare Kästchen in der hintersten Ecke der Kommode oder schwere Alben im Nachlass der Großeltern: Münzsammlungen wecken sofort die Neugier und sorgen für Herzklopfen. Doch während die Erwartungen beim Sichten solcher Fundstücke meist groß sind, lassen sie uns oft auch mit vielen Fragen zurück. Denn zwischen dem reinen Materialwert von Gold und Silber und dem tatsächlichen numismatischen Sammlerwert liegen oft Welten. Wie trennt man hier die Spreu vom Weizen?
Claudia Knobloch, Ordnungscoach und Inhaberin von Krempel De Luxe ist diesem Rätsel auf den Grund gegangen. Sie spricht mit Dr. Hubert Ruß, dem geschäftsführenden Vorstand der Künker Numismatik AG und vereidigten Sachverständigen, über den richtigen Umgang mit glänzenden Fundstücken. In diesem Interview erfahren Sie, wie Sie Ihre Schätze richtig einschätzen und warum der Griff zum Putzlappen der größte Fehler Ihres Lebens sein könnte.
Ich habe Münzen gefunden, was soll ich tun?
C.K: Herr Dr. Ruß, in meiner Praxis als Ordnungscoach erlebe ich oft, dass Menschen beim Aufräumen auf Münzen stoßen. Die erste Reaktion ist meist: „Die müssen wir erst mal sauber machen.“ Ist das eine gute Idee?
Dr. Ruß: Absolut nicht! Das ist die wichtigste Regel überhaupt: Münzen darf man nicht putzen, nicht reinigen und nicht tauchen. Für den Laien mag eine glänzende Münze schöner aussehen, aber für den Sammler ist die natürliche Patina ein Qualitätsmerkmal. Wer mit Silberputztüchern oder gar Scheuermitteln hantiert, zerstört die Oberfläche und damit den numismatischen Wert. Ein Stück, das unberührt vielleicht 1.000 Euro wert wäre, ist nach einer falschen Reinigung oft nur noch den reinen Metallwert wert.
C.K: Wenn ich nun eine Münzsammlung finde – wie gehe ich am besten vor, um den Wert zu bestimmen, ohne die Stücke direkt aus der Hand zu geben?
Dr. Ruß: Eine erste Recherche im Internet ist für Laien oft frustrierend, da dort Mondpreise und reale Marktwerte schwer zu unterscheiden sind. Mein Rat: Suchen Sie den Kontakt zu Fachhändlern, die in Berufsverbänden organisiert sind. Oft reicht ein scharfes Foto der Vorder- und Rückseite per E-Mail für eine erste kostenlose Einschätzung. So erfahren Sie schnell, ob es sich um Massenware oder potenzielle Schätze handelt.
Gold, Silber oder Sammlerstück? Die feinen Unterschiede bei Münzen
C.K: Der Goldpreis eilt von Rekord zu Rekord. Heißt das, jede Goldmünze ist automatisch ein kleiner Schatz?
Dr. Ruß: Man muss hier klar unterscheiden. Es gibt die sogenannten Anlagegoldmünzen wie den Krügerrand, Maple Leaf oder auch das Schweizer Vreneli. Hier zählt fast ausschließlich der tagesaktuelle Goldpreis. Dann gibt es die Sammlermünzen. Hier bestimmen Seltenheit und Erhaltungsgrad den Preis. Ein historisches 20-Mark-Stück aus dem Kaiserreich kann, je nach Prägejahr und Zustand, weit über dem Goldwert liegen. Und schließlich gibt es Medaillen. Das sind keine offiziellen Zahlungsmittel, sondern private Gedenkprägungen. Diese haben oft nur einen Metallwert, es sei denn, sie sind historisch besonders bedeutend oder stammen von berühmten Künstlern.

Anhalt 20 Mark 1904
C.K: Ein häufiger Fund in deutschen Haushalten sind die silbernen 5- und 10-Mark-Gedenkmünzen. Was macht man damit?
Dr. Ruß: Das ist ein spannendes Feld. Die 10-Mark-Stücke bestehen je nach Jahrgang aus 625er oder 925er Silber. Da der Silberpreis aktuell sehr hoch ist, zahlen wir im Fachhandel oft mehr als die 5,11 Euro, die man beim Umtausch bei der Bundesbank erhalten würde. Ähnliches gilt für die alten „Silber-Fünfer“ bis 1979. Die späteren Stücke aus Kupfer-Nickel hingegen sind für Sammler meist uninteressant – diese sortieren wir für unsere Kunden aus, damit sie diese bei der Bundesbank zum Nennwert umtauschen können.
Die Wertermittlung der Münzen: Erwartung vs. Realität
C.K: Viele Erben kommen mit einer hohen Erwartungshaltung zu Ihnen. Werden diese Hoffnungen meist erfüllt?
Dr. Russ: Ehrlich gesagt müssen wir die Erwartungen oft nach unten korrigieren. Der Münzmarkt unterliegt, wie jeder Kunstmarkt, Schwankungen. Nur weil der Großvater vor 30 Jahren viel Geld für eine „limitierte Edition“ eines Versandhauses ausgegeben hat, heißt das nicht, dass diese heute noch denselben Wert hat. Viele dieser modernen Gedenkprägungen haben leider nie einen echten Sammlerwert entwickelt und werden heute zum Schmelzpreis gehandelt. Umgekehrt können aber unscheinbare Umlaufmünzen, die der Opa einfach beiseitegelegt hat, heute kleine Raritäten sein.
C.K: Wie läuft ein Verkauf bei Ihnen konkret ab? Muss ich Angst haben, „über den Tisch gezogen“ zu werden?
Dr. Russ: Transparenz ist das A und O. Bei Goldmünzen arbeiten wir mit einem sehr engen Spread. Der Abschlag zum Mittelwert beträgt oft nur etwa 3 %. Wenn Sie eine Münze für 100 Euro Marktwert verkaufen, erhalten Sie bei einem seriösen Händler etwa 97 Euro. Das ist viel fairer als bei vielen dubiosen „Goldankauf“-Läden in den Fußgängerzonen. Wer unsicher ist, sollte sich immer eine Zweitmeinung einholen – das ist bei uns völlig legitim.
Rechtliches und Sicherheit: Wer darf die Münzen überhaupt verkaufen?
C.K: Ein wichtiges Thema beim Ausmisten von Nachlässen: Wer darf die Münzen eigentlich zu Ihnen bringen?
Dr. Russ: Wir benötigen von jedem Verkäufer ein gültiges Ausweisdokument. Zudem muss der Kunde per Unterschrift versichern, dass er der rechtmäßige Eigentümer ist. Besonders wichtig ist das bei Erbengemeinschaften. Ein Miterbe darf die Sammlung nicht ohne Zustimmung der anderen verkaufen. In solchen Fällen arbeiten wir oft mit Testamentsvollstreckern oder Nachlassverwaltern zusammen, die sich entsprechend ausweisen können.
C.K: Und wie bewahre ich die Schätze bis zum Verkauf auf? Der berühmte Schuhkarton unter dem Bett?
Dr. Russ: Das kommt auf den Wert an. Viele unserer Kunden nutzen Bankschließfächer. Wenn Sie die Münzen zu Hause lagern, achten Sie darauf, dass sie über die Hausratversicherung abgedeckt sind. Zur Aufbewahrung selbst: Nutzen Sie säurefreie Papiertütchen oder moderne Kunststoffhüllen ohne Weichmacher. Alte Plastikalben aus den 70er Jahren sollten Sie meiden – die chemischen Dämpfe greifen das Metall an und erzeugen den gefürchteten Grünspan.

BRD 5 DM Germanisches Nationalmuseum 1952

BRD 5 DM Eichendorff

BRD 5 DM Markgraf von Baden
Münzexperten-Tipps: Die “Nadel im Heuhaufen”
C.K: Zum Abschluss: Gibt es drei konkrete Münzen, nach denen unsere Leser in Ihren Schubladen suchen sollten?
Dr. Ruß: Dr. Hubert Ruß: Absolut! Achten Sie auf diese drei:
Die ersten 5 Gedenkfünfer der BRD: Dazu gehören das „Germanische Museum“ (1952), „Schiller“, „Eichendorff“, „Fichte“ und der „Markgraf von Baden“. Diese erzielen immer Preise weit über dem Silberwert.
5 Mark 1958 J: Das ist eine normale Umlaufmünze, aber in diesem Jahrgang und mit dem Buchstaben „J“ (für Hamburg) ist sie sehr selten und wertvoll.
50 Pfennig 1950 G: Suchen Sie nach Stücken, auf denen oben „Bank deutscher Länder“ steht. Die meisten haben den Aufdruck „Bundesrepublik Deutschland“. Das Stück mit „Bank deutscher Länder“ ist eine echte Rarität.

BRD 5 DM 1958 J Kursmünze

BRD 50 Pfennig Bank deutscher Länder 1950 G
CK: Herr Dr. Ruß, vielen Dank für dieses informative Gespräch! Ich werde meine 50-Pfennig-Stücke jetzt definitiv genauer unter die Lupe nehmen
Fazit: Ein Münzfund ist immer ein spannendes Abenteuer. Auch wenn nicht jede Sammlung gleich ein kleines Vermögen wert ist, lohnt sich der genaue Blick vom Experten fast immer. Wichtig ist: Überstürzen Sie nichts, lassen Sie die Putzmittel im Schrank und vertrauen Sie auf zertifizierte Fachhändler. So stellen Sie sicher, dass Ihre Schätze – ob materiell oder ideell – die Wertschätzung erfahren, die sie verdienen.
Über den Experten
Dr. Hubert Ruß
Dr. Hubert Ruß wurde im Jahr 2000 von der IHK für München und Oberbayern als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Münzen und Medaillen des Mittelalters und der Neuzeit ernannt. Sein Tätigkeitsbereich umfasst die Beratung, wissenschaftliche Bestimmung sowie marktgerechte Bewertung von Münzen und Sammlungen. Zudem erstellt er Gutachten für private und gerichtliche Zwecke und bietet sachkundige Unterstützung bei der Veräußerung oder Verwertung von Sammlungen und hochwertigen Einzelstücken.

Über die Interviewpartnerin
Claudia Knobloch
Claudia Knobloch ist die Gründerin von Krempel De Luxe. Als Ordnungscoach begleitet Sie ihre Kunden auf dem Weg zu mehr Ordnung und Klarheit, um Raum für das Wesentliche zu schaffen. In Ihrem Podcast Krempel de Luxe spricht sie regelmäßig mit Experten und Expertinnen über die Frage: “Wohin mit den aussortierten Sachen?” Hier werden wertvolle Tipps gegeben, wie sich Räume entrümpeln und dabei auf eine nachhaltige Weise spenden, verschenken oder verkaufen lässt.
Ihre Podcastfolge “Schätze in Gold und Silber – Münzenbewerten und verkaufen“, die Grundlage für dieses Interview ist, können Sie sich hier in voller Länge anhören.
